Menschliche Würde?

Vor etwas mehr als 30 Jahren veröffentlichte Papst Johannes Paul II. seine Enzyklika „Evangelium Vitae“ (Das Evangelium vom Leben), ein Lehrschreiben, das selbst unter frommen Katholiken heute nur noch wenige kennen dürften (1).

Doch es ist aktueller denn je.

Nicht nur wegen seines klaren Plädoyers für die Unantastbarkeit des menschlichen Lebens, insbesondere an seinem Beginn. Das kann den Text heute besonders bei „Abtreibungsgegnern“ attraktiv machen, und das allein würde seine Lektüre rechtfertigen, denn die Zahlen der willentlich herbeigeführten Beendigung vorgeburtlichen menschlichen Lebens bleiben in Deutschland seit Jahren einigermaßen stabil bei rund 100.000 im Jahr (2). Wer sich also diesem Lebensschutz verschreibt, mag bei Johannes Paul II. moraltheologische Argumente für seine Position finden. Allerdings wird dieser Text aus dem Jahr 1995 heute oft nur noch in dieser Hinsicht gelesen.

Was ihn aber so „prophetisch“ macht, geht weit über das Thema „Abtreibung“ hinaus. Es ist seine Analyse des aktuellen Zustands unserer Gesellschaft und seine Antizipation politischer Entwicklungen, die Mitte der 90er Jahre vielen noch unmöglich schienen.

Denn auch wenn wir (auch heute noch) immer wieder „edle Proklamationen“ hören über die Menschenwürde, den Zusammenhalt der Gesellschaft und den unverletzlichen Schutz des Lebens, muss man angesichts aktueller politischer Entwicklungen mit dem damaligen Papst fragen:

„Wie lassen sich diese Erklärungen in Einklang bringen mit der Ablehnung des Schwächsten, des Bedürftigsten, des Alten, des soeben im Mutterschoß Empfangenen? Diese Angriffe gehen in die genau entgegengesetzte Richtung wie die Achtung vor dem Leben und stellen eine frontale Bedrohung der gesamten Kultur der Menschenrechte dar. Eine Bedrohung, die letzten Endes imstande ist, selbst die Bedeutung des demokratischen Zusammenlebens aufs Spiel zu setzen: unsere Städte laufen Gefahr, aus einer Gesellschaft von »zusammenlebenden Menschen« zu einer Gesellschaft von Ausgeschlossenen, an den Rand Gedrängten, Beseitigten und Unterdrückten zu werden. Muß man, wenn sich der Blick dann auf einen Welthorizont ausweitet, nicht daran denken, dass selbst die Beteuerung der Rechte der Personen und der Völker, wie sie bei ranghohen internationalen Zusammenkünften erfolgt, zu fruchtloser rhetorischer Übung wird, wenn nicht der Egoismus der reichen Länder, die den armen Ländern den Zugang zur Entwicklung verschließen oder ihn an die Bedingung absurder Fortpflanzungsverbote knüpfen und so die Entwicklung gegen den Menschen richten, die Maske fallen läßt?“ (vgl. Evangelium Vitae, 18).

In der tripolaren Politik der USA, Russlands und Chinas und in deren inneren Machtstrukturen scheint sich genau das gegenwärtig zu erfüllen. Was, wenn auch in immer mehr Staaten der Europäischen Union Politiken attraktiv werden, die die eigene Hegemonie und die Partikularinteressen Weniger weit über alte demokratische Werte und Regularien stellen? Wie können wir in dieser „neuen Weltordnung“ ein menschenwürdiges Leben auch für die Schwächsten, die Verwundeten und Ausgegrenzten gestalten? Wen interessieren da noch die Obdach- und Heimatlosen?

(1) Johannes Paul II.: Evangelium Vitae an die Bischöfe, Priester, Diakone, die Ordensleute und Laien sowie an alle Menschen guten Willens über den Wert und die Unantastbarkeit des menschlichen Lebens, 25.3.1995, zitiert nach: https://www.vatican.va/content/john-paul-ii/de/encyclicals/documents/hf_jp-ii_enc_25031995_evangelium-vitae.html

(2) Vgl. https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Gesundheit/Schwangerschaftsabbrueche/Tabellen/01-schwangerschaftsabbr-alter-quote-10tsd-je-altersgruppe-zv-2012-2022.html

Bild: Timothy Schmalz: Homeless Jesus, 2018 (Skulptur vor Sant‘ Egidio, Rom)


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